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Multiple Sklerose & Neuro-Immunologie

Die Multiple Sklerose (abgekürzt MS, Encephalomyelitis disseminata) ist die häufigste neurologische Erkrankung des jungen Erwachsenenalters. Weltweit sind ca. zwei Millionen Menschen an MS erkrankt, in Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf ca. 200.000 geschätzt.
Der Beginn der Erkrankung liegt zumeist zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr; Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Zu den typischen Symptomen gehören Sehstörungen, Gefühlsstörungen, Lähmungen sowie eine übermäßige Ermüdbarkeit (Fatigue).
Bei der MS handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems im Sinne einer Autoimmunerkrankung (Fehlreaktion des körpereigenen Abwehrsystems). Dabei kommt es zu einer Schädigung von Nervenstrukturen wie den Myelinscheiden, Axonen und Neuronen. An den Stellen, an denen das Nervengewebe geschädigt wird, kommt es zu einem bindegewebigem Umbau mit einer Verhärtung des Gewebes (=Sklerose). Da es bei der MS an vielen Orten im Gehirn hierzu kommen kann, bekam die Erkrankung den Namen Multiple Sklerose.

Welche Verlaufsformen gibt es?
Der Krankheitsverlauf der MS ist höchst unterschiedlich und im Einzelfall schwer vorhersagbar:

  • bei über 85 % der Patienten beginnt die MS mit einem schubförmig-remittierenden Verlauf,
  • bei ca. 40 % kommt es unbehandelt über eine Zeitachse von 10 Jahren zum Übergang von der schubförmig-remittierenden in die sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform,
  • bei 15 % der Patienten ereignen sich nie Schübe, die Erkrankung nimmt von Beginn an einen schleichenden primär chronisch-progredienten Verlauf.

Was ist ein Schub?
Die Symptome eines Schubes können vielfältig sein; so können motorische Schwäche, Gefühlsstörungen und Sehprobleme auftreten. Die Symptome müssen mindestens 24 Stunden anhalten, mit einem Intervall von 30 Tagen zu vorausgegangenen Schüben auftreten und nicht durch Veränderungen der Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen) oder Infektionen erklärlich sein, um als Schub definiert zu werden.

Wie wird die MS diagnostiziert?
Die Verdachtsdiagnose kann anhand typischer klinischer Symptome gestellt werden. Darüber hinaus findet man häufig richtungweisende Veränderungen in der Kernspintomographie (MRT), im Nervenwasser (Liquor), sowie in den elektrophysiologischen Untersuchungen (VEP, FAEP, SSEP, MEP).

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Seit mehr als 20 Jahren behandeln wir die schubförmige Multiple Sklerose mit Immunmodulatoren. DAbei gibt es seit 2006 monoklonale Antikörper und seit 2011 oral einzunehmende Medikamente, welche das Repertoir der Therapie erheblich erweitert haben. Man setzt Immunmodulatoren gezielt für leichte/moderate oder aktivere Krankheitsverläufe ein. Für die leichten/moderaten schubförmigen Verläufe stehen heute u.a. Interferon β1a (Rebif®, Avonex®) und 1b (Betaferon®, Extavia®), pegyliertes Interferon (Plegridy® sowie Glatiramerazetat (Copaxone®), Teriflunomid (Aubagio®) oder Dimethylfumarat (Tecfidera®) zur Verfügung. Für die aktiveren Verläufe nutzt man Fingolimod (Gilenya®), Cladribin (Mavenclad®), Natalizumab (Tysabri®), Ocrelizumab (Ocrevus®) oder Alemtuzumab (Lemtrada®). Die Substanzen unterscheiden sich in der Verabreichung (oral, subkutan, intramuskulär oder intravenös), Wirkung und Nebenwirkungen.
Neben der Therapie der schubförmigen Multiplen Sklerose besteht seit dem Jahr 2018 die Möglichkeit, die primär progrediente Multiple Sklerose mit Ocrelizumab (Ocrevus®) zu behandeln. Für diesen Verlauf stehen darüber hinaus Immunsuppressiva wie Mitoxantron oder Cyclophosphamid zur Verfügung.

Die Spezialambulanz der Neurologie Gießen behandelt Patienten mit Multipler Sklerose und verwandten autoimmun-entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems.

Unsere besonderen Kompetenzen liegen in der

  • Diagnostik der Multiplen Sklerose einschließlich relevanter Differentialdiagnosen
  • Einholung einer Zweitmeinung in der MS-Sprechstunde
  • Therapie von akuten Krankheitsschüben
  • Individuell auf Patienten bezogene Indikationsstellung einer Basistherapie oder einer Eskalationsbehandlung
  • Enge Vernetzung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung
  • Kurzfristige Terminvergabe für Erstvorstellungen
  • Versorgung von Notfällen
  • Versorgung in der MS-Sprechstunde im Wesentlichen durch Fachärzte für Neurologie
  • Zusätzliche Betreuung durch spezialisierte MS-Schwester
  • Telefon-Hotline besetzt durch spezialisierte MS-Schwester
  • Angebot zur Teilnahme an klinischen Studien (vorwiegend Phase III)
  • spezielle Therapieangebote der symptomatischen Behandlung von MS-assoziierten Beschwerden, z.B. Einleitung und Steuerung einer antispastischen Therapie mittels Baclofen-Pumpe
  • Strukturierte Schulungsprogramme für unsere Patienten