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Geschichte der Klinik

Erster Fachvertreter für die Ohrenheilkunde an der Universität war Hermann Steinbrügge (1831-1901).

Er war zunächst in Heidelberg otologisch ausgebildet worden, ließ sich nach zahlreichen otologischen Arbeiten in Gießen privatärztlich nieder und habilitierte dort 1885. 1889 erhielt er einen Lehrauftrag für die Ohrenheilkunde. 1891 wurde eine staatliche Ohrenpoliklinik eingerichtet, zu deren Leiter Steinbrügge berufen wurde. Es standen dafür im akademischen Hospital 3 Räume zur Verfügung, in begrenztem Umfang konnte Betten in der chirurgischen Klinik in Anspruch genommen werden. Steinbrügge erhielt keine Vergütung und mußte für Einrichtung und Unterhaltung selbst aufkommen, auch hatte er keinen etatmäßigen ärztlichen Mitarbeiter. Die Laryngologie wurde internistisch wahrgenommen (Fleischer und Naumann 1996). 

Nachfolger von Steinbrügge wurde 1901 Emil Leutert (1862-1928), der 1897 in Königsberg habilitierte. Leutert fand in Gießen höchst unzulängliche Verhältnisse vor, wurde ihm doch lediglich eine Assistentenstelle zugebilligt. Diese nahm 1905 Franz Nuernbergk ein, der nach seiner Habilitation und Erhalt eines Lehrauftrages für Rhinologie-Laryngologie 1911 nach Erfurt ging (Fleischer und 1996). Leuterts wissenschaftliches Interesse galt der otogenen Sepsis, deren Pathogenese er herausstellte. Er hob insbesondere die Bedeutung der Bakteriologie für die otologische Diagnostik hervor. In seinem Bemühen um die Verwirklichung eines beantragten Neubaus der HNO-Klinik scheiterte Leutert jedoch in seiner 9jährigen Amtszeit, so 1910 Carl Otto von Eicken (1873-1960) die Klinikleitung mit einem Ruf für das ganze HNO-Fach übernahm.

Er schaffte innerhalb kürzester Zeit, den verwehrten Neubau durchzusetzen, wobei eine Rufablehnung nach Erlangen hilfreich war.

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Die 1913 eingeweihte Klinik war mit 50 Betten und reichlichen Nebenräumen nach den damaligen Maßstäben ein großzügiger Bau. 2006 mußte er jedoch für den Neubau des Universitätsklinikums weichen.

 

 v. Eicken befasste sich wissenschaftlich mit der Entwicklung der Laryngo-Bronchoskopie. Eine von ihm projektierte Spezialheilstätte für Kranke mit Kehlkopftuberkulose wurde unter seinem Schüler und Nachfolger Alfred Brüggemann errichtet (Fleischer und Naumann 1996). 1922 nahm v. Eicken einen Ruf nach Berlin auf den Lehrstuhl seines Lehrers Gustav Killian an.

 

Brüggemanns fachliche Interessen galten kriegsbedingt den Kehlkopfverletzungen. Er entwickelte zur Behandlung der Kehlkopf- und Trachealstenosen die sog. "Bolzenkanüle". In weiteren Arbeiten befaßte er sich mit der Kehlkopftuberkulose. 1930 wurde der Neubau einer modernen Spezialklinik zur zentralen Behandlung der Kehlkopftuberkulose in Deutschland in unmittelbarer Nähe zur HNO-Klinik eröffnet ("Klinik Seltersberg"). Sie wurde bis 1945 in Personalunion vom Direktor der HNO-Klinik geleitet. Nach 1945 verlor die Heilstätte durch die Entwicklung der tuberkulostatischen Therapie ihre Bedeutung für die Laryngologie und wurde eine allgemeine pulmologische Klinik (Fleischer und Naumann 1996). Ende 1944 war die Klinik zum großen Teil niedergebrannt und nicht mehr nutzbar. In einer ländlichen Ausweichstelle wurde ein Notbetrieb aufrechterhalten.

 

1947 wurde Gerhard Eigler (1900-1975) zunächst kommissarischer Leiter der Klinik, bis er 1950 berufen wurde. Er erreichte bald, dass die schwer beschädigte Klinik wieder funktionsfähig wurde. Wissenschaftlich beschäftigte er sich insbesondere mit den bakteriellen Erkrankungen des Ohres und mit dem Cholesteatom.

 

1970 wurde Konrad Fleischer (*1920) Nachfolger von Eigler. Sein wissenschaftliches Interesse galt der histologischen Untersuchung des Felsenbeins. Weitere Arbeiten behandelten die Ohrmissbildungen, die Otosklerose, das Cholesteatom, die Presbyakusis und die osteoplastische Stirnhöhlenchirurgie. In seiner Amtszeit konnte die beengte Klinik in begrenztem Umfang baulich umgestaltet und erweitert werden. Die Audiologie der Klinik wurde ausgebaut und mit Jürgen Kießling wissenschaftlich produktiv.

  

Nachfolger von Fleischer wurde 1986 Hagen Weidauer (*1939), der jedoch bereits nach einem Jahr einem Ruf an seine Herkunftsuniversität Heidelberg folgte.  

 

Von 1987-1990 wurde die Klinik kommissarisch zunächst von Klaus Jahnke (Oberarzt in Tübingen, später Ordinarius in Essen), dann von Alexander Sokolowski (Oberarzt in Gießen) geleitet, bis 1990 Frau Hiltrud Glanz (*1944), vorher Chefärztin in Frankfurt, berufen wurde.

 

Frau Glanz begann ihre Ausbildung an der Universitäts-HNO-Klinik in Köln bei Leonhard Seiferth und Fritz Wustrow. Als der Oberarzt der Klinik, Oskar Kleinsasser, 1973 einem Ruf nach Marburg folgte, wurde sie dort seine Mitarbeiterin. Ihr wissenschaftliches Augenmerk richtet sie insbesondere auf die Histopathologie des Kehlkopf- und des Hypopharynxkarzinoms, der Präkanzerosen des Kehlkopfes und der Metastasierung in die regionalen Lymphknoten. Sie schlug eine besondere Klassifikation der Kehlkopftumoren vor. Die klinischen Schwerpunkte stellten insbesondere die malignen Kehlkopftumore und deren funktionserhaltende Chirurgie dar. 

 

Die Klinik konnte 1995 erheblich erweitert werden, da nun alle stationären Patienten in einem mit der Klinik verbundenen Neubau untergebracht waren und das bisher genutzte Gebäude neben der Poliklinik den Funktionsaufgaben, der Forschung und dem Unterricht dienen konnte. Die 1913 erbaute HNO-Klinik wurde 2006 abgerissen, um dem Neubau des Gesamt-Universitätsklinikums Platz zu machen. 

 

Die Poliklinik sowie der Funktionsbereich waren von 2006 bis 2011 in der Alten Chirurgie und die HNO-Stationen in der Neuen Chirurgie untergebracht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Während dieser Zeit wurde Frau Prof. Dr. Glanz im Jahr 2009 durch Herrn Prof. Dr. J. P. Klußmann abgelöst.

2011 wurde die Poliklinik und der Funktionsbereich  in das neue UKGM-Hauptgebäude umgezogen und die HNO-Stationen blieben in der Neuen Chrirurgie erhalten.

Als zusätzliche Leistung für schwerhörige Patienten etabliere Prof. Klußmann an der Gießener HNO-Klinik die Versorgung mit aktiven Mittelohr- und Felsenbeinimplantaten, sowie die Versorgung mit Cochlea Implantaten, was in Kooperation mit der Marburger HNO-Klinik zur Gründung des Mittelhessischen Cochlea Implantat Zentrums (MHCIC) führte.


Prof. Dr. Klußmann verließ Anfang 2018 die Klinik und übernahm die Leitung der HNO-Klinik der Uniklinik Köln. Seit August 2019 leitet Dr. G. Wolf die Gießener HNO-Klinik kommissarisch.