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Schrei-Baby-Ambulanz

Babys schreien wenn sie Hunger oder Durst haben oder wenn sie neue Windeln brauchen. Die meisten sind wieder beruhigt, wenn ihre Bedürfnisse befriedigt sind. Manche Säuglinge aber schreien und quengeln fast den ganzen Tag ohne erkennbaren Grund. Diese "Schrei-Babys" können ihre Eltern zur Verzweiflung bringen

Nicht selten werden Letztere von Schuldgefühlen und Versagensängsten geplagt, aber auch Wut schleicht sich ein. Betroffene Eltern können sich in der "Schrei-Baby-Ambulanz" der Gießener Uni-Kinderklinik Beratung und Hilfe holen.

10-20 % aller Säuglinge schreien in den ersten Lebensmonaten viel, sind häufig unruhig und lassen sich nur schwer beruhigen. Üblicherweise werden diese Symptome mit dem Begriff "Drei-Monats-Koliken" belegt und als organisches Problem angesehen. In den letzten zehn Jahren gab es eine Reihe von Forschungsarbeiten, die zeigten, dass übermäßiges Schreien sich nachhaltig negativ auf Mutter und Kind auswirken kann.

Da die Fähigkeit, den eigenen Zustand oder z.B. den Schlaf-Wachrhythmus zu regulieren nach der Geburt noch nicht vorhanden ist, bedarf es der Regulation durch Hilfe von außen, also durch die Bezugsperson, die sensibel auf die Signale des Kindes reagiert. Das viele Schreien des Kindes erschöpft die Mutter und macht sie hilflos, so dass sie in der Folge nicht mehr adäquat auf das Kind reagieren kann, welches wiederum noch mehr schreit. Bei vorhandener Schwierigkeit/Irritierbarkeit des Säuglings und zusätzlichen Risikofaktoren (z.B. Paarprobleme der Eltern) kann im Sinne eines Teufelskreises eine sogenannte "Regulationsstörung" entstehen, die in ungünstigen Fällen sogar in einer Misshandlung (z.B. einem Schütteltrauma) enden kann. Weitere häufige Ausdrucksformen dieser "Regulationsstörungen" sind Fütter- und Schlafstörungen, Trotzanfälle und anklammerndes Verhalten, nicht selten treten auch verschiedene Probleme in Kombination auf.

In "Schrei-Baby-Ambulanzen" nach dem Muster der Münchner "Sprechstunde für Schreibabies", die 1991 von M. Papousek ins Leben gerufen wurde, wird versucht diese Spirale zu durchbrechen. Zielgruppe der "Schrei-Baby-Sprechstunden" sind Säuglinge und Kleinkinder von Geburt an bis zum Ende des 2. Lebensjahres mit den genannten Problemen.
Seit einigen Jahren wird am Gießener Uniklinikum in Zusammenarbeit von Sozialpädiatrischem Zentrum der Kinderklinik und der Abteilung Medizinische Psychologie eine solche "Schrei-Baby-Ambulanz", eine Beratungsstelle für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, eingerichtet. Neben einer neuropädiatrischen Untersuchung erwartet Eltern und Kind eine psychologische Beratung. Der Beratungsansatz beinhaltet konkrete Verhaltenstipps ebenso wie eine Videoanalyse der Mutter-Kind-Interaktion, anhand derer das mütterliche Verhalten verändert werden soll. In der Regel sind bis zu 5 Termine ausreichend um eine merkliche Entlastung für die Eltern zu erreichen. Für einen Termin ist die Überweisung an das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) notwendig.

Terminvereinbarung unter Telefon: 0641 / 985-43481

Ein Erfahrungsbericht:
Jakob, einem jetzt drei Monate alten Säugling ging es während seiner ersten Lebenswochen gut. Jakob hat viel geschlafen und sich normal entwickelt. Schließlich begann er zu schreien, oft und ausgiebig.
"Er war gestillt, gebadet, gewickelt und hätte eigentlich zufrieden sein müssen," erzählt die Mutter "ich wusste wirklich nicht, was ihm fehlt und fühlte mich völlig hilflos".
Jakob war ihr erstes Kind und sie hatte sich das Muttersein ganz anders vorgestellt. Lebhaft in Erinnerung waren ihr Momente, in denen sie sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.
"Einmal habe ich ihn geschüttelt, ihn ein anderes Mal angebrüllt, ihm sogar den Mund zugehalten" "Am Ende saß ich auf dem Sofa und habe mich kaum noch getraut, irgendetwas zu machen, die Schuldgefühle waren einfach zu groß."
Irgendwann war sie fast so weit, aus dem Fenster zu springen und sie bekam Angst vor sich selbst, "dass ich meinem Kind in der Wut etwas antun könnte".