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Forschung

Weitere Informationen zu Studium, Lehre sowie Forschung an der Urologischen Universitätsklinik Marburg finden Sie auf den Seiten der Philipps-Universität Marburg. Hier finden Sie auch eine Auflistung unserer aktuellen wissenschaftlichen Publikationen.

Aktuelles aus der urologischen Forschung


Neue Gesamtbevölkerungsanalyse von 2006-2021: Trends in der Nutzung von Hodenprothesen in Deutschland

Hodentumore sind die häufigsten bösartigen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen sind und ihre Häufigkeit nimmt zu. Die Implantation einer Hodenprothese, z.B., während einer Orchiektomie oder im Verlauf ist die Möglichkeit plastisch den verlorenen Hoden zu ersetzen. Ziel der Studie war es zu verstehen, wofür Hodenprothesen in Deutschland verwendet werden.

In die aktuelle Analyse - von einem Forscherteam der Urologischen Universitätsklinik Marburg - wurden 12.753 chirurgische Eingriffe mit Implantation einer Hodenprothese und 1.244 Eingriffe mit Hodenprothesen-Explantation einbezogen. Die Implantation von Hodenprothesen stieg insgesamt von 699 Fällen im Jahr 2006 auf 870 Fälle im Jahr 2020 (+11,4 Fälle/Jahr; p < 0,001). Der Anteil der Implantation von Hodenprothesen aufgrund eines Hodentumors sank von 72,6 % im Jahr 2006 auf 67,5 % im Jahr 2020 (p < 0.001).

Interessanterweise stieg der Anteil der Implantation von Hodenprothesen aufgrund einer geschlechtsangleichenden Operation von 6,8 % im Jahr 2006 auf 23,3 % im Jahr 2020 (p < 0,001). Der Anteil der Implantationen aufgrund einer Hodenatrophie sank von 11,4 % im Jahr 2006 auf 3,4 % im Jahr 2020 (p < 0,001). Die gleichzeitige Implantation einer Hodenprothese während einer Orchiektomie bei Hodenkrebs stieg von 7,8 % im Jahr 2006 auf 11,4 % im Jahr 2020 (p < 0,001).

Im Jahr 2006 führten 146 Krankenhäuser (85 %) < 5 Hodenprothesen implantiert, während 20 Krankenhäuser (12%) 5-15 Implantationen durchführten und 6 Krankenhäuser (3%) > 15 Hodenimplantationen durchführten. Im Jahr 2021 führten 115 Krankenhäuser (72%) < 5 Hodenprothesen Hodenprothesenimplantationen durch, während 39 Krankenhäuser (25%) 5-15 Implantationen und 5 Krankenhäuser (3%) > 15 Hodenimplantationen Eingriffe durch.

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Implantation von Hodenprothesen stetig zunimmt und die Explantationsraten im Vergleich niedrig sind. Neben Hodenkrebs waren Transgender-Operationen die Hauptursache für den Anstieg der Fallzahlen in den letzten Jahren.

Aksoy C, Reimold P, Karschuck P, et al. Trends in the use of testicular prostheses in Germany: a total population analysis from 2006–2021. Andrology. 2024;1-6. https://doi.org/10.1111/andr.13598

Abbildung: Jährliche Implantations- und Entfernungsraten von 2006 bis 2020, Quelle: Aksoy et al. (2024)


Neuer Artikel zum Thema Prähabilitation bei radikaler Zystektomie

In einem aktuellen Artikel aus dem Bereich Versorgungsforschung, der in der Fachzeitschrift Die Urologie erschienen ist, haben wir uns mit dem Thema „Prähabilitation bei radikaler Zystektomie“ beschäftigt.

Hintergrund ist, dass das Urothelkarzinom der Harnblase ist in Deutschland mit jährlich 30.000 Neuerkrankungen eine bedeutende Belastung für das Gesundheitssystem. Die radikale Zystektomie (operative Entfernung der Harnblase) ist der Goldstandard für das nicht-metastasierte muskelinvasive Harnblasenkarzinom und stellt gleichzeitig den uroonkologischen Standardeingriff mit der höchsten Sterblichkeit dar.

In dem Artikel haben wir uns mit dem Konzept der Prähabilitation vor radikaler Zystektomie, der Evidenzlage zur Prähabilitation und der Umsetzbarkeit von Rehabilitation und Prähabilitation im deutschen Gesundheitswesen befasst.

Im Fazit wurde u.a. festgehalten, dass die radikale Zystektomie der uroonkologische Standardeingriff mit der höchsten Mortalität ist. Dabei sind geriatrische und multimorbide Patienten besonders gefährdet. Die Prähabilitation kann ein wichtiger Baustein zur Reduktion postoperativer Komplikationen sein.

Insgesamt ist die wissenschaftliche Datenlage bislang heterogen und einheitlich definierte Standards fehlen. Ergebnisse zeigen bislang nur funktionelle Verbesserungen. Die Reduktion von Morbidität oder Mortalität wurden bislang nicht nachgewiesen. Die Prähabilitation könnte in der Zukunft eine finanzielle Entlastung für das deutsche Gesundheitssystem darstellen.

Giese M, Butea-Bocu M, Huber J, Groeben C. Prähabilitation bei radikaler Zystektomie. Die Urologie. 2023;62(10):1034-40. doi: 10.1007/s00120-023-02172-8

Abbildung: Therapiekonzept der Prähabilitation vor radikaler Zystektomie, Bildquelle: Christer Groeben


Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie

Die Urologische Universitätsklinik Marburg war erfolgreich auf der DGHO23 (13.-16.10.2023) in Hamburg vertreten: Dr. Marcus Derigs stellte sein Poster zum Thema: “The impact of the combination therapy of nivolumab plus ipilimumab on the treatment of patients with metastasized renal cell carcinoma in low- vs. high-volume clinics” vor.

Dr. Derigs konnte stellvertretend für das gesamte Autorenteam zeigen, dass auch nach der Zulassung von Nivolumab plus Ipilimumab als Erstlinientherapie des metastasierten Nierenzellkarzinom (mRCC) ein höheres Facility Case Volume (Behandlung von >5 Patienten pro Jahr) zu einer positiven Beeinflussung der Behandlung von mRCC Patienten führt. Hierbei könnte die häufigere Erhebung des IMDC-Scores in high-volume Praxen eine Rolle gespielt haben.

Zusammenfassend geben die Daten einen Hinweis darauf, dass das Facility Volume auch in der Behandlung des mRCC eine Rolle spielt, wobei die häufigere Erhebung des IMDC Scores ausschlaggebend sein könnte.

Das Poster befindet sich zum Download hier.

Bildquelle: Marcus Derigs / Urologische Universitätsklinik Marburg, Contact: derigs@med.uni-marburg.de, presented at the 2023 DGHO Annual Conference, 13-16 October, Hamburg, Germany.


75. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Leipzig 20.-23.09.2023

Der Team der Urologischen Universitätsklinik war mit einigen wissenschaftlichen Vorträgen auf dem DGU-Kongress in Leipzig vertreten.

Dr. Luka Flegar präsentierte „Kriterien der Aufnahme auf die Warteliste zur NTX bei nachweislichem Prostatakarzinom – eine Sackgasse auch beim low-risk Karzinom?“.

Dr. Luka Flegar referierte außerdem zum Thema „Lutetium177 PSMA-Radioligandentherapie bei metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakarzinom: Trends in Deutschland von 2016 bis 2021“. Dabei stellte er fest, dass die Behandlung von mCRPC mit 177Lu-PSMA RLT hat in den letzten Jahren in Deutschland stark zugenommen hat und eine zusätzliche Therapieoption ist. Die meisten Therapien werden an akademischen Kliniken durchgeführt. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, da die formale Zulassung durch die EMA erst im Dezember 2022 erfolgte.

Dr. Cem Aksoy referierte zum Thema „Regulation der Immun-Checkpoint-Komponente PD-L1 an humanen Hodentumor-Zelllinien“. Dabei stellte er fest, dass die zelluläre Expression von PD-L1, inklusive IFNG-abhängiger Stimulierbarkeit, in den untersuchten Zelllinien heterogen war. Die Daten stützen die mögliche Relevanz des PD-L1-Systems für eine perspektivisch ICB-basierte Therapie des Hodentumors.

Außerdem präsentierte Dr. Aksoy Ergebnisse einer Umfrage unter Medizinstudierenden in Deutschland, die besagt, dass mehr Wissen über humane Papillomaviren die Impfraten verbessern. Selbst in einer positiv hochselektionierten Bevölkerungsgruppe von Medizinstudierenden besteht ein relevantes Informationsdefizit zu HPV. Höheres Wissen über HPV war mit einer höheren Impfquote assoziiert. Daher könnte eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für HPV bei jungen Erwachsenen die Impfraten verbessern. #PATE e.V. (Prävention and Aufklärung Testikulärer Erkrankungen) hat das Ziel, das Gesundheitsbewusstsein zu dieser Thematik zu erhöhen.

Dr. Philipp Reimold präsentierte „Die Entwicklung von urologischen und viszeralchirurgischen Nierentransplantationen in Deutschland: eine Totalerhebung von 2006 bis 2021“. Er verdeutlichte, dass ein Drittel aller NTx in Deutschland seit 2006 konstant durch urologische Kliniken durchgeführt wird. Während die Fallzahl in den letzten Jahren in den viszeralchirurgischen Kliniken stabil blieb, zeigte sich in den urologischen Kliniken ein rückläufiger Trend.

Quelle: Urologische Nachrichten, 09/2023, 75. Kongress der DGU 2023, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Ärzte Zeitung / Springer Medizin

PD Dr. Christer Groeben leitete die Peer-to-Peer Sitzung „Meet the Expert: Ejaculatio Präcox: Neue Alternativen zu Pillen und Sprays?“. Hier wurde u.a. das Projekt #MELONGA vorgestellt, bei dem eine App entwickelt und getestet wird, die weltweit die erste App-basierten digitalen Medizin gegen vorzeitige Ejakulation ist. Nähere Informationen zur CLIMACS-Studie, bei der die MELONGA-App untersucht wird, finden Sie hier.

Außerdem präsentierte PD Dr. Groeben die Analyse „Deutsche Routinedaten: Highlights für die urologische Klinik und Praxis“. Er verdeutlichte die enormen Erwartungen an die zukünftige Weiterentwicklung der Routinedatenbanken. Eine bevölkerungsbasierte Datenbank mit longitudinalen Krankheits- und Behandlungsverläufen von Fällen urologischer Tumorentitäten in Verbindung mit Tumordaten, demografischen Daten und Details über die behandelnden Einrichtungen wäre das erstrebenswerte Ziel. Allerdings ist dies jedoch in absehbarer Zeit kein realistisches Szenario, sodass vielmehr schrittweise Erweiterungen der Register das wissenschaftliche Potenzial kontinuierlich erweitern werden.

Prof. Dr. Dr. Johannes Huber hatte u.a. den Vorsitz im Akademieforum des Arbeitskreises Versorgungsforschung „Noch ganz dicht? Aktuelles aus dem Gesundheitssystem und vom Umgang mit einer Volkskrankheit“. Hier wurde u.a. die Tatsache diskutiert, dass die Krankenhausreform auch das Aus für urologische Kliniken bedeuten könnte. Auch die Verluste durch Dokumentations- und Kodierfehler in der Urologie wurden thematisiert.

Bildquelle: Urologische Universitätsklinik Marburg, 26.09.2023


Neue Studie zum Thema "Ejaculatio Praecox" ab Oktober 2023

Der Umgang mit Patienten, die unter vorzeitigem Samenerguss leiden (Ejaculatio Praecox, EP), stellt die behandelnden Urolog:innen oftmals vor eine Herausforderung. EP ist eine stigmatisierte sexuelle Dysfunktion, die nicht nur etwa 30% der Männer sondern auch ihre jeweiligen Partner.innen betrifft. 90% der Männer suchen aufgrund von Angst vor Stigmatisierung oder wegen Datenschutzbedenken keine professionelle Hilfe auf.

Unter der Leitung von PD Dr. Christer Groeben (Leitender Oberarzt der Urologischen Universitätsklinik Marburg) startet ab Oktober 2023 eine Studie unter dem Titel CLIMACS, bei der eine digitale App untersucht wird (MELONGA), die verspricht die Symptome der EP zu lindern. Weitere Informationen zur CLIMACS-Studie finden Sie hier.

Die App wurde auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Leipzig das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert, am Freitag 22. September 2023, 15:15 – 15:45 Uhr / Raum 10 / Ebene 2.

Bildquelle: https://melonga.com/ (19.09.2023)


In einem aktuellen Beitrag für die Fachzeitschrift "Die Urologie" haben wir uns mit "Patientenveranstaltungen in der deutschen Urologie: Trend zu Hybridformaten?" beschäftigt.

Patientenveranstaltungen sind ein wichtiges Instrument, um auf das steigende Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Gesundheitsinformationen zu reagieren. Hierfür bietet die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) auf ihren Jahreskongressen das „Patientenforum“ an. Ziel der Arbeit war die Evaluation der Veranstaltungen in den Jahren 2017 bis 2019 und ein Vergleich mit dem ersten digitalen Patientenforum 2020.

Anhand eines zweiseitigen, standardisierten Fragebogens befragten wir die Besucher*innen der Präsenzpatientenforen (Präsenzgruppe = P) der drei Jahreskongresse der DGU 2017–2019 sowie die Nutzer*innen des digitalen Angebots 2020 (Onlinegruppe = O).

Als Ergebnisse erhielten wir für  die Jahre 2017–2019 n = 71 und für 2020 n = 18 Datensätze. Das mediane Alter der Besucher*innen lag bei 64 (Spannweite 30–89) Jahren. Männlich waren 66 % (P) vs. 83 % (O) der Teilnehmer*innen (p = 0,005). Das Angebot wurde von beiden Gruppen gleichermaßen insgesamt als gut bis sehr gut bewertet, d. h. in Schulnoten 1,6 (P) vs. 1,6 (O; p = 0,7). Die Möglichkeit Fragen zu stellen wurde entsprechend der geringeren Interaktion im digitalen Format in Schulnoten mit 1,5 (P) vs. 2,8 (O) schlechter bewertet (p = 0,003). Auf die Frage nach dem zukünftig gewünschten Veranstaltungsformat sprachen sich die Nutzer des digitalen Patientenforums mit zwei Dritteln für eine Hybridveranstaltung vor Ort und online aus.

Schlussfolgernd eignen sich Patientenveranstaltungen als Kommunikationsform für die Öffentlichkeit und werden von den Besucher*innen gut bewertet. Insbesondere die direkte Interaktion mit Expert*innen hat hier einen hohen Stellenwert. Präsenzformate sind mit einem hohen logistischen Aufwand sowie hohen Kosten verbunden und ihre Reichweite ist limitiert. Zukünftig können Hybridformate eine sinnvolle Alternative sein, da sie die Vorteile von Online- und Präsenzformaten kombinieren.

Karschuck P, Müller L, Groeben C, Aksoy C, Flegar L, Zacharis A, Baunacke M, Wülfing C, Huber J. Patientenveranstaltungen in der deutschen Urologie: Trend zu Hybridformaten? Die Urologie. 2023. doi: 10.1007/s00120-023-02162-w.

Abbildung 1: Übersicht der DGU-Patientenforen (Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.) 2017–2020

Abbildung 2: Zusammenfassung der Evaluationsergebnisse


In einer aktuellen Studie haben wir uns mit der „Entwicklung der Zirkumzisionszahlen in Deutschland seit Billigung der rituellen Beschneidung“ beschäftigt und eine bevölkerungsbezogene Analyse von 2013 bis 2018 vorgelegt. Dabei wurden Daten des Instituts für angewandte Gesundheitsforschung GmbH (InGef) ausgewertet, mit nach Alter und Region repräsentativen 4,9 Mio. Versichertenanonymen, stratifiziert nach Alter (< 18 vs. ≥ 18 Jahren), Kassenärztlicher Vereinigung und Art der Leistungserbringung (ambulant vs. stationär).

Im Ergebnis zeigte sich, dass im Studienzeitraum insgesamt 673.819 Beschneidungen durchgeführt wurden. Ab 2014 kam es zu einem signifikanten Rückgang der Fallzahlen in allen Altersgruppen (p = 0,049). Dabei haben während des gesamten Studienzeitraums die Beschneidungen bei Minderjährigen signifikant zu- (p = 0,002) und die Eingriffe bei Erwachsenen signifikant abgenommen (p = 0,01). Die Zahl der männlichen Minderjährigen stieg um 4 % von 6.709.137 (2013) auf 6.992.943 (2018). Die entsprechende bevölkerungsbezogene Zahl stieg von 7,5 Beschneidungen pro 1000 Minderjährige im Jahr 2013 auf 8 im Jahr 2018 (p = 0,037).

Schlussfolgernd konnten wir festhalten, dass es nach der Verabschiedung des Beschneidungsgesetzes (Billigung der rituellen männlichen Beschneidungen) im Dezember 2012 zu einer moderaten Zunahme der Zirkumzisionen in der Altersgruppe < 18 Jahre, während der Anteil bei Erwachsenen Zirkumzisionen im gleichen Zeitraum sank. Eine Limitation der Studie ist, dass ein unbestimmter Anteil ritueller Beschneidungen außerhalb des Gesundheitssystems erfolgte.

Aksoy C, Zacharis A, Groeben C, Karschuck P, Flegar L, Baunacke M, Thomas C, Schmidt M, Huber J. Entwicklung der Zirkumzisionszahlen in Deutschland seit Billigung der rituellen Beschneidung : Eine bevölkerungsbezogene Analyse von 2013 bis 2018 [Development of circumcision rates in Germany since the approval of ritual circumcision : A population-based analysis from 2013 to 2018]. Urologie. 2023 Jul;62(7):711-714. German. doi: 10.1007/s00120-023-02104-6. Epub 2023 May 31. PMID: 37256411; PMCID: PMC10310602.

Abbildung 1: Bundesweite Hochrechnung der Beschneidungen von 2013–2018

Abbildung 2: Anzahl von Zirkumzisionen (ZiZi) pro 1000 männlicher Minderjähriger


Das Team der Urogischen Universitätsklinik Marburg war mit einigen wissenschaftlichen Vorträgen auf dem Kongress der European Association of Urology in Mailand vertreten.

Marius Butea-Bocu trug seine Forschungsergebnisse zum Einfluss der Covid-19 Pandemie auf Stadien verschiedener Tumorerkrankungen vor (Increase of advanced tumor stages during the corona pandemic? An analysis of 13,228 patients from an uro-oncology outpatient rehabilitation clinic).

Marcus Derigs präsentierte Daten einer retrospektiven Analyse zur Therapie des Nierenzellkarzinoms mit Ipilimumab und Nivolumab (Introduction of dual checkpoint inhibition with nivolumab plus ipilimumab in advanced renal cell carcinoma: Results of a retrospective comparative analysis of real-world data in Germany).

Hendrik Heers sprach über die palliative Versorgung von Patienten mit urologischen Tumorerkrankungen. Sein Abstract (End of life care - Preferences of patients with advanced urologic malignancies) wurde mit dem erstmals vergebenen Helmut Haas Award ausgezeichnet.

(Bildquelle: European Association of Urology EAU)

Johannes Huber zeigte die Endergebnisse der EvEnt-PCA Studie zur Online-Entscheidungshilfe für Patienten mit Prostatakrebs (An online prostate cancer patient decision aid structurally improves patient care: Results from the EvEnt-PCA randomized controlled trial). Johannes Huber wurde zudem als Coautor einer Studie mit einem der Preise für das Best Scientific Paper ausgezeichnet (Beyer K, et al. Updating and Integrating Core Outcome Sets for Localised, Locally Advanced, Metastatic, and Nonmetastatic Castration-resistant Prostate Cancer: An Update from the PIONEER Consortium. Eur Urol. 2022 May;81(5):503-514).

Philipp Reimold referierte über den Tumormarker PD-L1 im Urin von Patienten mit Urothel- oder Nierenzellkarzinomen (PD-L1 as urine biomarker in urological malignancies).

(Bildquelle: privat)


In einer aktuellen Publikation haben wir uns mit der „Versorgungsstruktur der ambulanten Urologie in Deutschland“ beschäftigt und aktuelle Daten zur ambulanten Patientenversorgung in Deutschland geliefert. Dabei wurden Daten des Arztverzeichnisses der Stiftung Gesundheit sowie der Bundesärztekammer und des Statistischen Bundesamtes ausgewertet (Stichtag: 31.12.2020).

Im Ergebnis zeigte sich, dass in größeren Städten die Mehrheit der niedergelassenen Urolog*innen in Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) arbeitet und durchschnittlich weniger Patient*innen betreut. Im ländlichen Raum zeigt sich hingegen ein besonders hoher Anteil an Einzelpraxen mit mehr zu versorgenden Einwohnern pro Urolog*in. Auffällig ist, dass Urologinnen häufiger in der stationären Versorgung arbeiten. Wenn sich Fachärztinnen für Urologie für die Niederlassung entscheiden, dann eher in BAG und eher in städtischen Gebieten. Außerdem zeigt sich eine Verschiebung der Geschlechterverteilung: Je jünger die betrachtete Alterssubgruppe, desto höher liegt der Anteil an Urologinnen unter allen Kolleg*innen.

Hierbei deuten sich Trends an, die die Art zu arbeiten und die Patientenversorgung in einigen Jahren maßgeblich beeinflussen werden: Die jüngere Generation an FÄ-Uro hat offensichtlich andere Wünsche an die Art zu arbeiten als die Kolleg*innen zuvor. Zugunsten von wünschenswerten Rahmenbedingungen scheinen sie eher bereit zu sein, auf einen Teil des möglichen Einkommens zu verzichten. Einzelpraxen sind gerade in weniger besiedelten Regionen ein wichtiges Mittel zur Gewährleistung der flächendeckenden Versorgung, dürften aber aufgrund der Gender- und Generationseffekte weniger beliebt werden.

Haas, H., Müller, L., Speck, T. et al. Versorgungsstruktur der ambulanten Urologie in Deutschland. Urologie (2023). https://doi.org/10.1007/s00120-023-02048-x

Abbildung: Altersstruktur aller Fachärzt*innen für Urologie (ambulante und stationäre Tätigkeit), Stichtag: 31.12.2020


In einer weiteren Studie haben wir die Akzeptanz und die aktuellen Trends der Radio-Liganden-Therapie (RLT) mit Lutetium-177-PSMA-RLT für Patienten mit metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakarzinom (mCRPC) in Deutschland untersucht.  Wir analysierten Daten aus dem reimbursement.INFO-Tool auf Basis der Qualitätsberichte deutscher Krankenhäuser für Lutetium-177-PSMA-RLT von 2016 bis 2020 und aus der bundesweiten deutschen Krankenhausabrechnungsdatenbank (Destatis) für die allgemeine Therapie mit offenen Radionukliden in Kombination mit Prostatakrebs von 2006 bis 2020. Insgesamt konnten 12.553 177Lu-PSMA-RLT-Zyklen identifiziert werden. Die Zahl der 177Lu-PSMA-RLTs stieg kontinuierlich von insgesamt 1026 Therapien im Jahr 2016 auf 3328 Therapien im Jahr 2020 (+ 576 RLT/Jahr; p < 0,005). Die Behandlung des mCRPC mit 177Lu-PSMA RLT hat in den letzten Jahren in Deutschland stark zugenommen und stellt eine zusätzliche Therapieoption dar. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, da die formale Zulassung durch die Europäische Arzneimittel Agentur (EMA) erst im Dezember 2022 erfolgte.

Flegar, L., Thoduka, S.G., Librizzi, D. et al. Adoption of Lutetium-177 PSMA radioligand therapy for metastatic castration resistant prostate cancer: a total population analysis in Germany from 2016 to 2020. Eur J Nucl Med Mol Imaging (2023). https://doi.org/10.1007/s00259-023-06139-x


In einer weiteren Studie konnten wir zeigen, dass online Krankenhausbewertungsportale ("Krankenhaus-Navigatoren") bei uro-onkologischen Patienten in Deutschland, die sich einer elektiven Operation unterziehen, eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen scheint die persönliche Beratung durch den behandelnden Urologen viel wichtiger zu sein. Obwohl die Nutzer eines Online-Bewertungsportals die bereitgestellten Informationen überwiegend positiv bewerteten, änderte nur ein Viertel der Nutzer die ursprüngliche Krankenhauswahl. Zudem wurden die Merkmale "Stress" und "Entscheidungskonflikt" von der Nutzung eines Onlineportals nicht positiv beeinflusst. Diese Merkmale wurden letztendlich durch den Erstkontakt mit der behandelnden Klinik positiv beeinflusst und Vorbehalte wurden reduziert.

Groeben, C., Boehm, K., Koch, R. et al. Hospital rating websites play a minor role for uro-oncologic patients when choosing a hospital for major surgery: results of the German multicenter NAVIGATOR-study. World J Urol (2023). https://doi.org/10.1007/s00345-022-04271-1

Abbildung: Quellen für Informationen für die Krankenhauswahl (n = 812) und Auswirkung der Nutzung eines Krankenhausbewertungsportals (n = 35).