A A A
-->

Schmerz, peripheres Nervensystem und Neurophysiologie

Die Arbeitsgruppe Schmerz und peripheres Nervensystem wurde 2010 gegründet und wird von Frau Prof. Dr. H. Krämer-Best geleitet. Es handelt sich um einen klinisch ausgerichteten Forschungsschwerpunkt. Es kommen verschiedene neurophysiologische Methoden einschließlich Einzelfaseruntersuchungen mit Mikroneurographie, Sonografie von Muskel und Nerven sowie strukturelle und funktionelle MRT-Bildgebung zur Anwendung.

Neben den klinischen Spezialsprechstunden ,CRPS‘ und ‚Ultraschall im peripheren Nervensystem‘ werden folgende Themen bearbeitet:

Projekte

  1. Aktivität des sympathischen Nervensystems als Biomarker bei α-Synucleinopathien

Bei verschiedenen Erkrankungen kommt es zu einer Beteiligung des autonomen Nervensystems, welche häufig eine wichtige Rolle für die Prognose der Erkrankung spielt aber schwer quantifizierbar ist. Nach derzeitiger Studienlage erscheint es möglich, dass die sympathische Dysfunktion eine wichtige Rolle bei der Krankheitsprogression des idiopathischen Parkinsonsyndroms (IPS) darstellt. REM-Schlafverhaltensstörungen (RBD) werden als Prodromalstadium von α-Synucleinopathien angesehen. Mittels Mikroneurographie können direkt neuronale Signale sympathischer Efferenzen im Nerv abgeleitet werden (Aktivität der Vasokonstriktoren der Widerstandsgefäße (MSNA, muscle sympathetic nerve activity)). Die MSNA repräsentiert eine wichtige Stellgröße des Baroreflexes, welcher für die Blutdruckregulation eine essentielle Rolle spielt. Bisherige Studien der Arbeitsgruppen zeigen eine Veränderung der MSNA bereits bei RBD Patienten (bevor es zu einer klinischen Manifestation des IPS kommt). Der MSNA outflow unterscheidet sich darüber hinaus bei den verschiedenen Stadien des IPS. Aktuell wird untersucht, in wieweit die MSNA als Biomarker für die Krankheitsprogression bei α-Synucleinopathien aussagekräftig sein kann.

Ein zweites Projekt im Kontext des Forschungsschwerpunktes der α-Synucleinopathien analysiert die Rolle einer small fiber Pathologie im Hinblick auf die Körperwahrnehmung bei Patienten mit IPS.

Kontakt: Prof. Dr. Heidrun Krämer-Best Heidrun.Kraemer@neuro.med.uni-giessen.de

 

  1. Schmerz

Schmerzinhibition

Der menschliche Körper verfügt über physiologische Mechanismen der Schmerzhemmung, bei denen das sympathische Nervensystem eine entscheidende Rolle spielen kann. Eine kurzfristige Aktivierung des sympathischen Nervensystems führt physiologischerweise zu einer akuten Schmerzunterdrückung (Stress-induzierte Analgesie). Eine dauerhafte Aktivierung des sympathischen Nervensystems dagegen trägt zur Schmerzchronifizierung bei Schmerzpatienten bei. Aktuell wird der physiologische Einfluss von kardiovaskulären Parametern (Baroreflexsensitivität) auf die Stress-induzierte Analgesie untersucht. Daneben wird auch der Beitrag des sympathischen Nervensystems bei der Schmerzhemmung durch „diffuse noxious inhibitory control“ (DNIC; Schmerz unterdrückt Schmerz) beleuchtet.

Kontakt: Prof. Dr. Heidrun Krämer-Best Heidrun.Kraemer@neuro.med.uni-giessen.de

 

Schmerzmodulation und Schmerzwahrnehmung

Die menschliche Haut ist mit einer besonderen Form von C-Fasern ausgestattet, den sogenannten CT (C-tactile oder C-touch) – Fasern, welche u.a. die Angenehmheit von Berührungen weiterleiten. In einer vorangegangenen Studie konnte nachgewiesen werden, dass eine Stimulation von CT Fasern durch langsames Streichen bei gesunden Probanden Hitzeschmerz reduziert. Zudem zeigten wir, dass diese Schmerzmodulation aufgehoben ist, wenn die CT Fasern nicht intakt sind, wie beispielsweise bei Patienten mit einer Small Fiber Neuropathie (SFN). Nun wird untersucht, ob die CT-vermittelte Schmerzmodulation bei chronischen Schmerzsyndromen wie dem CRPS einen relevanten Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung und Schmerzintensität hat. Insbesondere wird die Möglichkeit eines therapeutischen Nutzens dieses Phänomens evaluiert.

Eine spezielle Untergruppe der SFN Patienten mit einer gesicherten SCN 9 a Mutation zeigte neben neuropathischen Schmerzen ein reduziertes Schmerzempfinden. Bei der aktuell untersuchten Patientengruppe liegt eine hereditäre insensitivity to pain vor. Zur weiteren Charakterisierung der gleichzeitig nebeneinander bestehenden Plus- und Minussymptome bezüglich des Phänomens Schmerz erfolgen spezielle neurophysiologische Untersuchung zur Evaluation der Funktion des sensiblen Nervensystems.

Kontakt: Dr. Kathrin Habig, kathrin.habig@neuro.med.uni-giessen.de

 

  1. Muskel- und Nervensonografie

Muskel- und Nervenultraschall kann gut zur Beurteilung neuromuskulärer Erkrankungen additiv zur klassischen Neurophysiologie angewendet werden. Der strukturelle Muskelultraschall mit der morphologischen Beurteilung der Muskulatur kann als Screeningmethode bei Myopathien und Myositiden angewendet werden. Weitere mögliche zukünftige Anwendungsgebiete der Myosonografie umfassen die Früherkennung, Verlaufsbeurteilung und Therapiekontrolle neuromuskulärer Erkrankungen. Hierzu werden aktuell sonografische Studien durchgeführt, um die Entwicklung der critical illness Myopathie und auch der critical illness Neuropathie zu quantifizieren und ggf. prognostisch bedeutsame Biomarker zu etablieren.

Die Darstellung von Faszikulationen mittels Ultraschall im Rahmen der ALS Diagnostik gewinnt immer mehr an klinischer Relevanz. Bei der ALS sind die untersuchten Muskeln inhomogen umgebaut und können meist als Heckmatt II klassifiziert werden. Wie hoch die diagnostische Sicherheit der sonografischen Darstellung von Faszikulationen in schwer neurogen veränderten Muskeln ist (Heckmatt IV) wird aktuell prospektiv und strukturiert bei SMA Patienten untersucht. Darüber hinaus werden auch morphologische Parameter bei den Patienten erfasst um ggf. Rückschlüsse auf die Krankheitsprogression ziehen zu können.

Kontakt: Prof. Dr. Heidrun Krämer-Best, Heidrun.Kraemer@neuro.med.uni-giessen.de

 

 

  1. Funktionelle Bildgebung

Mittels bildgebender Verfahren wurde die funktionell-topische Zuordnung vieler physiologischer sowie pathophysiologischer Phänomene des ZNS in vergangenen Jahren genauer identifiziert. Hierbei kam es bei der zentralen Verarbeitung von Schmerz zu einem Doktrin-Wechsel. Man fand, dass Areale, welche zunächst der „Schmerzmatrix“ zugeordnet wurden (u.a. Thalamus und Insel) auch durch nicht-schmerzhafte sensorische Reize, sowie anderer Reize wie beispielsweise Gedächtnisleistungen aktiviert wurden. So entstand die Auffassung des ‚salience detection network‘, in welchem der Thalamus eine zentrale Rolle spielt. Es erscheint möglich, dass der Thalamus nicht nur das ‚Tor zum Bewusstsein‘ sondern auch das ‚Tor zur Integration und Interpretation sensorischer Reize‘ darstellt. Zur Erweiterung des Verständnisses der zentralen Verarbeitung sensorischer Reize wird in Kooperation mit dem BION eine fMRT Studie zur Erstellung einer funktionell-anatomischen Karte des Thalamus bei gesunden Probanden durchgeführt. Hierzu wird die Prozessierung verschiedener sensorischer Reizmodalitäten (taktil, nozizeptiv, vestibulär) untersucht.

Kontakt: Dr. Kathrin Habig, kathrin.habig@neuro.med.uni-giessen.de

 

 

Arbeitsgruppe:

Leitung:                      Prof. Dr. Heidrun H. Krämer-Best

Oberärztin:                  Dr. Kathrin Habig

Assistenzärzte:            Zeynep Akgöl, Omar Alhaj Omar

Doktoranden:             Catherine Bulinski, Johannes Braunschädel, Isabella Strzedulla, Falk                                Göbel, Theda Hansen

 

Kooperationspartner:

Univ.-Prof. Dr. med. Frank Birklein, Leiter Sektion periphere Neurologie und Schmerz, Universitätsmedizin Mainz.

Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Wolfgang Oertel, Hertie-Senior-Professur, Philipps-Universität Marburg

Univ.-Prof. Dr. Mikael Elam, Leiter Klinische Neurophysiologie, Universität Göteborg

PD Dr. Anne Schänzer, Neuropathologie, Universität Gießen

Prof. Dr. Andreas Hahn, Neuropädiatrie, Universität Gießen

Prof. Dr. Gabor Szalay, Leiter Sektion Handchirurgie, Universität Gießen