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Was macht die Kunst?

Die Aufgabe eines Krankenhauses ist die medizinische Versorgung. Die architektonische Struktur entspricht dieser Aufgabe. Einerseits große, breite Flure für den schnellen Transport von Kranken und medizinischen Material und anderseits Wartezonen und Flure mit vielen Türen, hintern denen sich Patientenzimmer, Untersuchungsräume und anderes verbergen. Das große Foyer im Neubau des Uniklinikums Gießen ist ganz und gar von seiner Funktion durchdrungen, Menschen aufzunehmen und zu verteilen. „Hier geht es zu wie auf dem Frankfurter Flughafen“, lässt sich von dem ein oder anderen Patienten hören. Und in der Tat, die Terminals eines Flughafens haben nichts anderes zu tun als der Eingangsbereich dieser Klinik: Menschen zu empfangen und an den „richtigen“ Ort zu schicken. Am Flughafen ist die freudige Erwartung auf das Neue, Fremde oder die Ankunft eines geliebten Menschen eine große Hilfe den Stress, den solche Durchgangssituationen auslösen, zu bewältigen.

Ins Klinikum kommen Menschen mit Sorgen und Nöten, ja mit der Frage nach Leben und Tod, sie müssen innerlich einiges aufwenden, um ihre Orientierungsfähigkeit über den Impuls weg zu rennen, siegen zu lassen. Bilder an den Wänden können hier wie Fenster in einem engen Raum wirken: nicht dass der enge Raum real größer würde, aber der Ausblick lässt die Enge besser ertragen. Bilder unterbrechen für den Moment des Hinschauens die bedrohliche Krankenhaussituation, oder die alltäglichen, oft stressigen Klinikabläufe. Sie geben einen Impuls, der mit der „Situation Krankenhaus“ nichts zu tun zu haben scheint. Sie rufen von den Wänden „Hallo du, du bist nicht nur krank, du kannst dich freuen und ärgern, du kannst lachen und weinen.“ Manch einer empfindet dies als willkommene Ablenkung von der schwierigen Situation im Krankenhaus. Aber es ist viel mehr: der Mensch im Krankenhaus ist nie nur krank, ist nie nur Pfleger, nie nur Arzt. Er ist und bleibt Mensch in seiner ganzen Fülle. Kunst vermag den gesunden Anteil im Menschen an zu sprechen. Sie kann zum Impuls werden, sich auf seine eigenen Kräfte zu besinnen. Das klingt groß, wirkt aber im ganz Kleinen: die Pflegerin auf der Intensivstation, die sich im Personalraum ein „Meerespanorama“ wünscht, um mit einem Blick erinnert zu werden, dass es diesen anderen Lebensraum gibt, fragt nach der positiven Unterstützung, die hilft den tagtäglichen Umgang mit den Grenzbereichen des Lebens zu meistern. Kunst im Krankenhaus ist nicht nettes schmückendes Beiwerk, sondern kann für das Personal, die Patienten und Angehörigen Impulsgeber sein, die lebendige, gesunde Seite zu nutzen, um der kranken Seite zu begegnen. Im Universitätsklinikum Gießen gibt es eine Initiative, der Kunst im Sinne der Unterstützung der gesunden, lebendigen Seite der Menschen Raum zu geben. Entsprechend der unterschiedlichen Funktionen der weitverzweigten Gebäude entstehen dazu unterschiedliche Konzepte. So befinden sich in den Eingangsbereichen des Neubaus (Veronika Dutt) und der Chirurgie (Nikolaus Koliusis) Installationen, die über längere Zeit den Charakter der Räume verändern und so den Ankommenden mit einer Atmosphäre begrüßen, die der reinen Funktionalität als Durchgangsraum widerspricht. Im Bereich „Kunst im Kapellengang“ und in den großen Magistralen (Verbindungsgänge zur Kinderklinik auf 3 Ebenen) werden professionell eingerichtete Ausstellun- gen präsentiert, die zum Verweilen, Nachsinnen und Träumen einladen. Auf den Stationen werden im Zusammenwirken von Personal und Kunstbeauftragten Bildprogramme entwickelt, die das Bedürfnis der jeweiligen Stationen mit ihren besonderen Krankheitsfällen und Anforderungen an das Personal berücksichtigen. Gesprächsangebote über die Kunst, die den Gedankenaustausch mit anderen Menschen ermöglichen, runden das Konzept ab. Das Krankenhaus als einen kulturellen Ort wahrzunehmen, der in vielfältiger Weise die komplexe Situation zwischen Krankheit und Gesundheit in einer multikulturellen Gesellschaft widerspiegelt, ist die Grundlage dieser Arbeit. Den Menschen in seiner Würde, mit seinen Emotionen, seinen Ängsten und Hoffnungen zu stärken, ist ihr Ziel.