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Europaweite Premiere

Gießener Kardiologen setzen als Erste selbstauflösenden Stent der neuesten Generation bei Herzpatienten ein
Gefäßstütze löst sich schneller auf / verengte Gefäße werden nicht mehr nur repariert, sondern auch geheilt

Gießener Kardiologen haben als Erste in Europa das bislang neueste Modell einer biologisch abbaubaren Gefäßstütze erfolgreich eingesetzt. Bereits seit 2012 kommen die selbstauflösenden Stents am Universitätsklinikum zum Einsatz, weil sie gegenüber den bis dato gebräuchlichen Gefäßstützen aus Metall zahlreiche Vorteile bieten. „Nachdem es bislang bei den selbstauflösenden Stents nur ein Modell gab, haben wir nun unsere Produktpalette mit dem neu entwickelten Stent erweitert, der zuvor in zahlreichen Studien getestet und im vergangenen Jahr in Europa zugelassen wurde“, so Prof.
Christian Hamm, Direktor der Abteilung Kardiologie und Angiologie an der Medizinischen Klinik I. Sein Stellvertreter und Leiter des Herzkatheter Labors, Prof. Holger Nef, hatte die neuartige Gefäßstütze unlängst bei einem Patienten mit verengtem Herzkranzgefäß eingesetzt.
„Der weiter entwickelte, biologisch abbaubare Stent ließ sich problemlos einsetzen und passt sich der Gefäßwand ausgesprochen gut an, dem Patienten geht es gut“, erklärte Nef nach dem erfolgreichen Eingriff.

Zum Hintergrund:
Mehr als 300.000 Patienten werden jedes Jahr in Deutschland in einem Herzkatheterlabor behandelt, weil ihre Herzkranzgefäße verengt oder gar verschlossen sind. Diese Adern, die den Herzmuskel mit Blut versorgen, sind überlebenswichtig. Wenn sie nicht richtig funktionieren, weil Kalkablagerungen oder Gewebewucherungen den Durchfluss des Blutes erschweren, drohen schwere Durchblutungsstörungen (Angina pectoris) oder gar ein Herzinfarkt.

Um dies zu verhindern, setzen Kardiologen eine Gefäßstütze, den sogenannten Stent, in das verengte Gefäß ein. Der Eingriff ist minimal-invasiv, das heißt er wird für den Patienten schonend mit Hilfe der Schlüssellochchirurgie ausgeführt. Unter Röntgenkontrolle schiebt der Arzt einen langen, dünnen Draht über die Armarterie bis zu dem verengten Gefäß im Herzen. Das wird dann mit einem kleinen Ballon geweitet und der Stent eingesetzt.

Bis 2012 waren diese Gefäßstützen kleine, gitterförmige Gerüste aus Metall. Setzt man ein solches Implantat ein, birgt dies immer das Risiko, dass sich daran Blutgerinnsel bilden oder das Gefäß mit einer Gewebewucherung auf den Fremdkörper reagiert. Dies kann dann zu einer erneuten Verengung führen.

Mitte 2012 hatten Prof. Christian Hamm und Prof. Nef bereits als eine der Ersten eine neue Generation von Gefäßstützen eingesetzt: Diese biologisch abbaubaren Stents bestehen aus einer netzartig aufgebauten Milchsäure. Es ist dieselbe Substanz, die sich schon jahrelang als selbstauflösendes Nahtmaterial bewährt hat. Für die Behandlung der Patienten habe das klare Vorteile, erklärt der Leiter des Herzkatheterlabors, Holger Nef: „Innerhalb von ein bis zwei Jahren löst sich der Stent von selbst auf und wird vom Körper restlos abgebaut. Er ist zudem mit einem Medikament beschichtet, das in dieser Zeit die Ablagerungen, die zu der Verengung geführt haben, auflöst. Die abbaubaren Gefäßstützen sind zudem flexibler und passen sich so leichter der natürlichen Form der Gefäße an. So kann die zuvor verengte und damit auch unflexibel gewordene Ader wieder pulsieren und ihre ursprüngliche Funktion wieder gewinnen. Dies gelingt mit einer starren Gefäßstütze aus Metall nicht. Wenn sich der abbaubare Stent später auflöst, bleibt eine stabilisierte und offene Ader zurück.“

Von Vorteil ist dies auch für Patienten, bei denen es erneut zu Verschlüssen an weiteren Herzkranzgefäßen kommt. Deren Versorgung ist für den Kardiologen leichter, wenn keine alten metallenen Stents im Weg sind. Auch allergische Reaktionen auf Metall brauchen bei den neuen Stents aus Biomaterial nicht mehr befürchtet werden.

Der nun in der Gießener Kardiologie erstmalig eingesetzte Stent der neuesten Generation ist die aktuelle Weiterentwicklung der ersten abbaubaren Gefäßstütze und wurde im vergangenen Jahr durch die europäischen Behörden zugelassen. Dabei wurden die Vorteile dieses Systems optimiert.

„Für uns ist es eines der besonderen Qualitätsmerkmale eines Universitätsklinikums, den Patienten innovative, geprüfte und verbesserte Verfahren und Systeme zeitnah anbieten zu können. Hier zeigt sich auch der Vorteil einer engen Verzahnung von Wissenschaft, Forschung und Patientenversorgung“, betont Prof. Christian Hamm.