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Aus Gießen: Utopia

Auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA

Bis Ende Dezember ist in Gießen die Ausstellung: “Aufbruch in die Utopie - Ausstellungsreise auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA” zu sehen. Die Kisten sind bereits gepackt. Auch Sie können auf die Reise gehen auf den Spuren der Gießener Auswanderergesellschaft, die 1834 in die Vereinigten Staaten reiste, um dort eine deutsche Republik zu gründen.

Gleiche Grundrechte! Politische Teilhabe! Rede-, Wahl-, Bildungs- und Entfaltungsfreiheit! Für diese Ideale verlassen 500 Menschen gemeinsam ihre Heimat. Es ist das Jahr 1834, sie sind Untertanen deutscher Kleinstaaten, voll wütender Resignation und unbedingtem Wandlungswillen und sie setzen auf eine Utopie als Kompass ihrer Lebenswege: den Aufbau einer demokratischen „Teutschen Musterrepublik“ in Amerika. Ange- führt von dem Juristen Paul Follenius und dem Pfarrer Friedrich Münch überquert die „Gießener Auswande- rergesellschaft“ den atlantischen Ozean und riskiert den Neuanfang im unbekannten „land of the free“. Mit ihrer Staatsgründung will sie Hoffnung und ein Vorbild schaffen für die Umwälzung der Machtverhältnisse in ganz Deutschland. Kann das gelingen? Wohin führt die Reise? Welche Relevanz birgt sie für hier und heute? Die Ausstellungsreise „Aufbruch in die Utopie / Auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA (2013 - 2015)“ im Gießener KiZ (Kultur im Zentrum) an der Kongresshalle öffnet ihre Türen, blickt mit Kunst und Aktionen auf die wechselvollen Geschichten der Auswanderer und erkundet deren politische und soziale Dimensionen als Inspirationen für die Gegenwart. Die Ausstellung zieht, wie einst die Utopisten, von Gießen über Bremen und Washington D.C. nach St. Louis, Missouri und von dort aus weiter. Wer eincheckt, kann mitreisen. Im ablaufenden Büchner-Jubiläumsjahr zeigt diese Ausstellung eine weitere, bislang weitgehend unerforschte Reaktion auf die gesellschaftlichen Unterdrückungsmechanismen in der Zeit des Vormärz. Der Aufbruch in die Utopie ist eine spannende Ausstellungsreise in die Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Sie führt von Hessen in die USA. Unzufriedenheit mit ihrer Lebenssi- tuation und ihren Entwick- lungsmöglichkeiten im 19. Jahrhundert trieb diese Menschen zur Auswanderung. Damit ist Bezug zur Gegenwart hergestellt. Es geht um Weggehen und Ankommen. Es geht um die Integration in eine neue Umgebung und um politische Beteiligung in der neuen Gesellschaft, und es geht um die Bewältigung von Anpassungsdruck. Die Reise geht somit nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in unsere eigene Gegenwart. Künstler, Kulturschaffende und Wissenschaftler der Reisenden Sommer-Republik nach acht Jahren Beschäftigung mit dem gemeinsamen Sujet ihre Ergebnisse für den „Aufbruch in die Utopie“ zusammen. Mit Videoinstallationen, Texten, Performances, Filmen und Fotografien schaffen sie Entdeckungsräume für Gäste allen Alters. Eine Einladung zum Streifzug durch deutsche wie amerikanische Staaten an Wendepunkten revolutionärer Umbrüche; entlang an privaten, gesellschaftlichen und philosophischen Haltungen und Abenteuern; durch Motive, Höhenflüge und Tiefschläge einer kühnen Vision. Eine Reise durch damalige und heutige Utopien. Friedrich Münch, der Pfarrer aus Niedergemünden und Paul Follenius, der Gießener Hofgerichtsadvokat sind die Protagonisten der Gießener Auswanderergesellschaft. In zwei Abteilungen erreichen Sie die Vereinigten Staaten und ihr Zielgebiet St. Louis in Missouri, nur um dort festzustellen, dass sich ihre Pläne nicht realisieren lassen. Das Projekt einer gemeinsamen deutschen Ansiedlung als Keimzelle eines deutschen amerikanischen Bundesstaats ist gescheitert, doch es gibt kein Zurück. Sie müssen sich in der neuen Umgebung einleben. Nach der ersten, unter unglaublichen Anstrengungen durchlebten Anfangsphase mischen sie sich jedoch sogleich in die Diskurse der amerikanischen Gesellschaft ein. Pointiert äußern sie sich zum amerikanischen “Nativismus”, der Fremdenfeindlichkeit, die ihnen entgegenschlägt. In einer ganz entscheidenden und das weitere Schicksal der gesamten Vereinigten Staaten bestimmenden Frage reden sie ebenfalls mit: in der Frage der Sklaverei. Den deutschen Untertanenstaaten entkommen, erblicken sie in der Sklavenhaltergesellschaft ein unerträgliches Übel, welchem sie mit aller Entschiedenheit und in aller Härte prinzipiell entgegentreten. Gerade dem Einsatz deutscher Einwanderer, ihrer politischen Agitation und letztlich auch ihrer Opferbereitschaft ist es zu verdanken, dass der Staat Missouri an der Seite der Nordstaaten in den amerikanischen Bürgerkrieg eintrat und so das militärische Gewicht entscheidend zugunsten der Anti-Sklaverei-Bewegung beeinflusste. Die Tradition des gesellschaftlichen Engagements und des solidarischen Eintretens für einander und für gesellschaftspolitische Ziele ist eines der Kennzeichen der Siedlungsgebiete, wo sich Deutsche im 19. Jahrhundert ansiedelten. Die Nachkommen der Einwanderer halten diese geistige Einstellung bis heute am Leben.

Ausstellungsort:
KiZ Kultur im Zentrum, Südanlage 3a (ehemalige Stadtbibliothek) Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10:00 bis 18:00 Uhr
Donnerstag 10:00 bis 20:00 Uhr