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„GIESSEN GIPST“

Bundesweite Solidaraktion gegen Osteoporose am UKGM / Tag der offenen Tür des Sonderforschungsbereichs Transregio 79 der Unfallchirurgie Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl lässt sich gipsen / Wissenschaftler stellen neueste Forschungsergebnisse zur Behandlung erkrankter Knochen vor

Rund 730.000 Knochenbrüche erleiden Patienten in Deutschland jährlich aufgrund von Osteoporose. Viele dieser Brüche wären vermeidbar, gäbe es ein stärkeres Bewusstsein für den Knochenschwund und eine bessere medizinische
Versorgung. Mit der Aktion „GIESSEN GIPST“ im Foyer der Chirurgie des Universitätsklinikums in Gießen erklärten sich die Beteiligten solidarisch mit den Betroffenen und wollten die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass Osteoporose oft erst spät erkannt und eine entsprechende Therapie nicht durchgeführt wird. Dabei ist das Leiden der Betroffenen oft sehr groß. Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und Folgeerkrankungen bis hin zur
Pflegebedürftigkeit prägen häufig ihren Alltag. Für all dies steht die Aktion, bei der sich Ärzte, Wissenschaftler und Prominente, wie Schirmherrin und Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl und Betroffene als Zeichen der Solidarität einen Gips anlegen ließen.

In Deutschland ist jede vierte Frau und jeder 17. Mann an Osteoporose erkrankt. „Kommt es dann zu Brüchen, ist unsere Expertise in der Unfallchirurgie gefragt“, so Prof. Reinhard Schnettler, Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie und Sprecher des Sonderforschungsbereichs Transregio 79 (SFB/TRR) an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). „Um die Behandlung von Knochenbrüchen aufgrund von Knochenerkrankungen stetig zu verbessern, liegt der Schwerpunkt unserer Forschung bei der Entwicklung neuer Knochenersatzmaterialien und Implantate, die für diese spezielle Patientengruppe geeignet sind. Daran arbeitet unser fachübergreifendes Forscherteam aus den Bereichen Medizin, Veterinärmedizin, Materialwissenschaft, Biologie und Chemie der Justus-Liebig- Universität gemeinsam mit Forschergruppen aus Dresden und Heidelberg.“

Wie gehen die Wissenschaftler dabei vor, welche neuen Ergebnisse gibt es und was bringen sie den Patienten? Einen interessanten Einblick in ihre Arbeit präsentierten die Wissenschaftler des SFB Transregio 79 beim Tag der offenen Tür, der die Solidaraktion begleitete. Beim Blick durchs Mikroskop konnten die Besucher lebende Knochenzellen beobachten. Schautafeln informierten über den Knochenaufbau, über Osteoporose und eine Krebserkrankung des Knochenmarks (Multiples Myelom), die ebenfalls zum Knochenabbau führt. Ausgestellt wurden auch Implantate und Knochenersatzmaterialien zum Anfassen. Zudem gab es einen Einblick in die Arbeitsmethoden des Labors für experimentelle Unfallchirurgie unter der Leitung von Prof. Katrin Susanne Lips. „Unser Ziel ist es, der breiten Öffentlichkeit unsere Forschung nahe zu bringen“, betonten Prof. Reinhard Schnettler und Prof. Christian Heiß, designierter Sprechers des SFB/TRR. „Die derzeit erhältlichen Knochenersatzmaterialien und Implantate sind zwar für junge Menschen, die Brüche erleiden, gut geeignet, nicht aber für die meist älteren Patienten, deren Knochen bereits erkrankt sind. Das führt zum Beispiel oft zu großen Problemen bei der Knochenheilung. Deshalb ist es so wichtig, neue Materialien zu entwickeln und zu etablieren, um diesen Patienten helfen zu können.“ Die Initiatoren der Solidaraktion am UKGM in Gießen, Prof. Christian Heiß, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, sowie Prof. Dr. Wolfgang Böcker, Geschäftsführender Oberarzt der Klinik, begrüßten die bundesweite Initiative gegen Osteoporose: „Als Unfallchirurgen sehen wir die Patienten leider meist dann, wenn der Knochenbruch schon da ist. Nach Schätzung durch Experten wird sich die Zahl der Brüche durch Knochenerkrankungen wie Osteoporose alleine durch die immer älter werdende Bevölkerung bis 2050 verdoppeln. Umso wichtiger ist es uns,
solche Initiativen zu unterstützen, die zur Aufklärung beitragen.“

Und nicht nur Gießen gipst: Bereits im Mai fand der Auftakt der bundesweiten Initiative in München statt, andere Osteoporose-Zentren in Berlin, Dresden und Hamburg folgten.

Die Aktion „Deutschland gipst“ ist Bestandteil der bundesweiten Initiative GEMEINSAM FÜR STARKE KNOCHEN (www.osteoporose.de). Mehr Bewusstsein für Osteoporose zu schaffen sowie einen partnerschaftlichen Dialog zwischen Patienten und Ärzten über Möglichkeiten der Vorbeugung und Behandlung anzustoßen, sind die Ziele der Initiative. Schirmherrin ist die ehemalige Leichtathletin, Olympiasiegerin und DiplomSportlehrerin, Heide Ecker-Rosendahl, die
auch in Gießen vor Ort ist und sich an der Aktion beteiligt. Die konkreten Forderungen der Initiative lauten:
• Eine lückenlose Osteoporose-Abklärung aller Frauen ab 70 Jahren
• Konsequente Durchführung eines Risikotests bei Frauen ab 50 Jahren
• Effiziente medikamentöse Therapie bei entsprechender Diagnose

Über Osteoporose:
Osteoporose ist eine der am stärksten unterschätzten Erkrankungen in Deutschland.
3,1 Millionen Knochenbrüche gehen jährlich in Europa auf den Knochenschwund zurück. Unter anderem aufgrund des sinkenden Östrogenspiegels nach den Wechseljahren sind Frauen sehr viel häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung ist tückisch, da sie lange Zeit keine Beschwerden verursacht und erst dann entdeckt wird, wenn es plötzlich zu Knochenbrüchen kommt. Diese Brüche sind schmerzhaft und können gerade bei älteren Menschen zu einer Reihe von Folgeerkrankungen bis hin zu Pflegebedürftigkeit führen. Doch selbst mit Knochenbrüchen werden Patientinnen häufig nicht auf eine Osteoporose hin untersucht und behandelt. Im Gegenteil: Das fortschrittliche Deutschland ist in der medikamentösen Versorgung von Osteoporosepatienten Schlusslicht in Europa. So zeigt eine Studie der internationalen Osteoporose-Stiftung (IOF), dass nur 25 Prozent der behandlungsbedürftigen Patienten
eine adäquate Therapie erhalten. Die in Deutschland durchgeführte BEST-Studie besagt sogar, dass nur jeder zweite Patient mit einem Osteoporose-bedingten Knochenbruch eine adäquate
Therapie erhält. Die Gründe dafür sind unterschiedlich und liegen unter anderem in der fehlenden Diagnosestellung. Ein weiterer Grund ist die mangelnde Therapietreue, da viele Patientinnen wegen komplizierter Einnahmeregeln oder Unverträglichkeiten ihre Therapie vorzeitig beenden. Dabei hat sich hier viel getan: Ärzte können heute auf eine Vielzahl wirksamer und verträglicher Medikamente zurückgreifen, die zudem auch bequemer in der Anwendung sind als noch vor wenigen Jahren.

Weitere Informationen
www.osteoporose.de