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Mit Klettern punkten oder mit Punkten klettern

Menschenkinder Marburg und Lehmanns Marburg ermöglichen Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Marburg intensive Klettererlebnisse

Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Marburg hat den Regel- und Pflichtversorgungsauftrag für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen der drei Landkreise Marburg-Biedenkopf, Gießen und Wetteraukreis. Ihrem Versorgungsauftrag wird sie mit 60 vollstationären Plätzen in insgesamt vier Stationen (eine Akutstation, zwei Kinder- und Jugendlichenstationen und ab 1.7. einer neuen Jugendlichenstation) in der Klinik am Ortenberg (im Zentrum für Psychische Gesundheit, UKGM), einer Tagesklinik in Marburg (12 Plätze) und zwei Institutsambulanzen (eine in Marburg, eine in Bad Nauheim) gerecht. Pro Jahr werden über 520 Patienten im Alter von fünf bis 18 Jahren mit psychiatrischen Erkrankungen stationär behandelt, die durchschnittliche Verweildauer beträgt 35 Tage. Wie lange ein stationärer Krankenhausaufenthalt erforderlich ist, hängt von der Erkrankung ab: Während in manchen Situationen nur eine ein- bis zweitägige Krisenintervention nötig ist (z.B. bei akuter Drogenintoxikation), gibt es auch schwerwiegende psychische Erkrankungen, die eine mehrmonatige stationäre Therapie erfordern (z.B. bei ausgeprägten Formen von Anorexia nervosa, Zwangserkrankungen oder Depressionen).Die Behandlung psychischer Störungen nach einer umfangreichen störungsspezifischen Diagnostik erfolgt immer auf mehreren Ebenen mit intensiver Einzel- und auch Gruppentherapie und begleitender Elternarbeit. Neben Ärzten und Psychologen mit entsprechender psychotherapeutischer Qualifikation arbeiten im multiprofessionellen Team auch Ergotherapeuten, Bewegungstherapeuten (Motologen und Motopäden), eine Lerntherapeutin, Ernährungstherapeuten, Sozialarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflege- und Erziehungsdienstes. Auch zwei vierbeinige Mitarbeiter gibt es in der Klinik: die beiden Therapiehunde Filou und Maja, zwei Golden Retriever. Neben Psychotherapie und Beratung, in manchen Fällen auch ergänzender Pharmakotherapie, und weiteren begleitenden Angeboten sind Bewegungstherapie sowie die Freizeitgestaltung mit zum Teil erlebnispädagogischen Aktivitäten ein wichtiger Bestandteil des stationären Behandlungskonzepts.

Menschenskinder Marburg und Therapeutisches Klettern

Nachdem in fußläufiger Entfernung zur Klinik eine moderne Indoor-Kletterhalle eröffnet wurde, entstand der Wunsch, das vorhandene bewegungstherapeutische und erlebnispädagogische Angebot der Klinik um Therapeutisches Klettern zu erweitern. Da dafür keine zusätzlichen Gelder von den Krankenkassen zur Verfügung gestellt werden, aber laufende Kosten durch die Kletterhallennutzung anfallen, wurde der Förderverein Menschenskinder Marburg aktiv. Der 2012 gegründete gemeinnützige eingetragene Verein ist ein Förderverein für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen im Raum Marburg-Biedenkopf, Gießen und Wetteraukreis. Er hat u.a. zum Ziel Projekte zu fördern, von denen psychiatrisch erkrankte Kinder und Jugendliche und deren Familien profitieren und die zweifellos der Gesundung und Reintegration dienen, aber über den Rahmen der gesetzlich vorgegebenen „ausreichenden, zweckmäßigen und wirtschaftlichen“ klinischen Versorgung und Betreuung hinausgehen und deswegen nicht von den Krankenkassen finanziert werden.

Begleitet, betreut und angeleitet werden die Patienten im Rahmen der Klettergruppe durch speziell geschulte Mitarbeiter des Pflege- und Erziehungsdienstes und Erlebnispädagogen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJP). Die Schulungskosten der Mitarbeiter wurden dabei vom UKGM finanziert, das die Erweiterung des therapeutischen Angebots unterstützt. Auch wenn es aktuell noch relativ wenige Daten zur Wirksamkeit des Therapeutischen Kletterns gibt und größere Studien zur Evaluation dieses Therapieansatzes im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzepts noch ausstehen, sind kürzlich erste positive Erkenntnisse zu der neuen und beliebten Therapieform veröffentlicht worden. Die Faszination des Kletterns, so Reiter et al. (2014), liegt in der Überwindung der eigenen Ängste und Grenzen und im Spüren des eigenen Körpers in der Kletterbewegung. Therapeutisches Klettern ist ein wirksames Modul zur Steigerung des Selbstwertgefühls, dient der therapeutisch-pädagogischen Arbeit am Themenfeld Vertrauen zu anderen Menschen und leistet einen Beitrag zur Verbesserung der Aufmerksamkeitsregulierung sowie zur Achtsamkeit (Fokussieren auf das Hier und Jetzt). Neben der Bewältigung von Ängsten unterstützt es auch das Erlernen und Erleben des Setzens von realistischen Zielen. Es ist schon lange bekannt, dass körperliche Betätigung und Sport sich positiv auf die Stimmung und das Wohlbefinden auswirken, weswegen die Bewegungstherapie ein fester Bestandteil des multimodalen Therapieangebots in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen ist. Hier geht es nicht nur um die Verbesserung des Wohlbefindens, die Steigerung der physischen Gesundheit und die Verbesserung von Ausdauer und Fitness, sondern auch um den Aufbau von Ressourcen, aktives Erleben im Gegensatz zu passivem Konsum von Fernsehen und/oder Internet bei zum Teil sozial ungenügend integrierten Patienten, um die Förderung von Körpererfahrung und Wertschätzung des eigenen Körpers und der sozialen Interaktion mit Gleichaltrigen und des Gemeinschaftssinns. Nach Reiter et al. (2014) geht es „um Aktivierung der Person. Durch diese Aktivierung über die Bewegung dürfen wieder Freude, Spaß und Humor mit in den Vordergrund rücken“. Das therapeutische Klettern soll Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, eigene Bewältigungsstrategien für ihre Probleme zu erarbeiten. In einer Studie an erwachsenen Patienten mit Angst- oder Zwangserkrankungen zeigte sich, dass die hohen Erwartungen der Patienten an das therapeutische Klettern sogar übertroffen wurden (Reiter et al., 2014), insbesondere in den Bereichen Steigerung des Selbstwertgefühls, Vertrauen in andere/Abgabe von Kontrolle, Emotionsregulation/Angstbewältigung, Steigerung der körperlichen Fitness durch sportliche Betätigung und Nähe-Distanz-Abgrenzung. Sabine Hügel-Bleser, Pflegedienstleitung der KJP und stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Menschenskinder Marburg, freut sich sehr, dass „wir in Zukunft dank der Unterstützung des Fördervereins einigen unserer jungen Patienten auch Therapeutisches Klettern als zusätzliches Behandlungsmodul anbieten können“.

Unterstützung des Projekts durch Elwert Universitätsbuchhandlung Lehmanns Media

Von der Idee des geplanten Kletterprojekts für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche der Region zeigte sich der Leiter der Marburger Niederlassung von Lehmanns Fachbuchhandlung (vormals Elwert Universitätsbuchhandlung) sofort begeistert und sagte seine Unterstützung zu. Kunden der Buchhandlung, die eine sogenannte PremiumCard besitzen, können ab sofort ihre PremiumCard-Punkte an Menschenskinder Marburg spenden, wobei Lehmanns jeden von Kunden gespendeten Punkt sogar verdoppelt.

„Ich finde es großartig, dass Lehmanns als ein regionaler Partner mit dieser Aktion unsere therapeutische Arbeit unterstützt“, so Frau Prof. Dr. Katja Becker, Direktorin der Klinik und Vorstandsvorsitzende von Menschenskinder Marburg, „und würde mich freuen, wenn weitere Unterstützer und Firmen der Region diesem Vorbild folgten“. Neben dem therapeutischen Klettern möchte der Förderverein die Angebote der tiergestützten Therapie ausweiten, außerdem ist die Erstellung einer kindgerechten Patienteninformationsbroschüre zur Behandlung in der Klinik in Vorbereitung, die den Kindern und Jugendlichen durch Aufklärung die Angst vor einem Klinikaufenthalt nehmen soll.